Kommentar: Neue Integrationsförderung blendet wichtige Strukturen aus

Sachsen hat seine Integrationsförderung neu aufgestellt. Der Freistaat setzt dabei vor allem auf Angebote vor Ort. Keine Förderung erhalten hingegen landesweite Netzwerke und spezialisierte Fachstellen. Dieser Ansatz greift zu kurz, meint Hendrik Kreuzberg, Referent für Migration, anlässlich der Veröffentlichung der neuen Richtlinie „Integration von Zugewanderten“.

Symbolbild Integrationsberatung© KI-generiert (Gemini 2.5 Flash Image)
16.07.2026
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Erstellt von Hendrik Kreuzberg, Referent Migration

Mit der Veröffentlichung der neuen Förderrichtlinie „Integration von Zugewanderten“ schließt die Sächsische Staatsregierung ihre Neuausrichtung der Integrationsförderung ab. Künftig stehen unter anderem Sprachförderung, Patenschafts- und Mentoringprojekte, Wertevermittlung, psychosoziale Gesundheit sowie die Unterstützung von Migrantenorganisationen im Mittelpunkt der Förderung.

Dass Sachsen weiterhin in Integrationsarbeit investiert, ist grundsätzlich zu begrüßen. Gleichzeitig hinterlässt die neue Richtlinie bei vielen Trägern und Akteuren der Integrationsarbeit offene Fragen. Denn wer den Entwicklungsprozess begleitet hat, weiß: Die Erfahrungen und Hinweise der zivilgesellschaftlichen Praxis für eine wirksame Weiterentwicklung von Integrationsangeboten haben nur begrenzt Niederschlag gefunden.

Tenor der Rückmeldungen aus der Praxis war: Die stärksten Integrationsprojekte entfalten ihre Wirkung nur dann wirksam, wenn sie von Fachstellen, Netzwerken und spezialisierten Beratungsangeboten unterstützt werden. Genau diese Infrastruktur findet sich in der neuen Richtlinie jedoch kaum noch wieder.

Fachspezifische Beratungsangebote nicht mehr förderfähig

Besonders kritisch ist die fehlende eigenständige Förderung fachspezifischer Beratungsangebote. Viele der bislang unterstützten Projekte richteten sich an Menschen mit besonderen Bedarfen – etwa an queere Geflüchtete, Menschen mit Behinderungen, Frauen mit besonderen Schutzbedarfen oder Betroffene von Gewalt und Diskriminierung. Gerade diese Angebote zeichnen sich durch spezialisierte Expertise und eine hohe Sensibilität für individuelle Lebenslagen aus. Sie können weder durch allgemeine Integrationsmaßnahmen noch durch kommunale Regelangebote ersetzt werden.

Fachstellen als Stütze für Verwaltung, Organisationen und Fachkräfte

Ebenso problematisch ist das Fehlen einer Perspektive für Fachstellenarbeit. Fachstellen beraten nicht nur Betroffene, sondern unterstützen vor allem Organisationen, Verwaltungen und Fachkräfte. Sie entwickeln fachliche Standards, qualifizieren Multiplikator*innen und tragen dazu bei, dass Praxiserfahrungen dauerhaft in den Regelsystemen verankert werden. Gerade in Themenfeldern wie Flucht und Behinderung, LSBTIQ*-Fluchtmigration, psychosoziale Gesundheit oder interkulturelle Öffnung sind in Sachsen in den vergangenen Jahren wertvolle fachliche Ressourcen entstanden. Sie lassen sich nicht beliebig ersetzen und benötigen langfristige Unterstützung.

Netzwerke sind unsichtbare Grundlage erfolgreicher Integrationsarbeit

Hinzu kommt eine weitere Leerstelle: Die neue Richtlinie sieht keine eigenständige Förderung landesweiter Netzwerke vor. Dabei sind Netzwerke oft die unsichtbare Grundlage erfolgreicher Integrationsarbeit. Sie schaffen Verbindungen zwischen kommunaler Praxis, Verwaltung, Wohlfahrtsverbänden, Migrantenorganisationen und spezialisierten Beratungsangeboten. So sorgen sie dafür, dass erfolgreiche Ansätze nicht auf einzelne Regionen beschränkt bleiben, sondern landesweit nutzbar werden.

Welche Integrationspolitik will Sachsen künftig verfolgen?

Eine nachhaltige Integrationspolitik braucht nicht nur Förderprogramme für konkrete Maßnahmen, sondern auch die tragenden Strukturen dahinter, denn sie schaffen fachliche Qualität, sichern Kontinuität und ermöglichen dauerhafte Wirkung.

Die neue Richtlinie setzt klare Schwerpunkte. Das ist legitim. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass wichtige Teile der bisherigen Integrationslandschaft künftig durchs Raster fallen. Aus Sicht der Praxis wäre deshalb zu wünschen, dass die Staatsregierung die Auswirkungen der Neuregelung sorgfältig beobachtet und bereits frühzeitig das Gespräch mit den betroffenen Trägern sucht.

Denn Integration entsteht nicht allein dort, wo Projekte durchgeführt werden. Sie entsteht auch dort, wo Wissen aufgebaut wird, wo Erfahrungen ausgewertet und Strukturen langfristig gesichert werden.

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Hendrik KreuzbergReferent Migration

0351 – 828 71 145hendrik.kreuzberg (at) parisax.de