Wirkung entsteht in Beziehungen

Wie können soziale Organisationen zeigen, was ihre Arbeit bewirkt, ohne neue Dokumentationsberge aufzubauen? Gastautor Oliver Schmidt zeigt einen pragmatischen Weg für den Einstieg: Starten Sie mit dem Wissen, das Ihre Organisation bereits besitzt. Nutzen Sie die Wirkungsorientierung, um Teams, Angebote und Beziehungen zu Ihren Zielgruppen weiterzuentwickeln.

Eine Zielscheibe mit einem Pfeil im Mittelpunkt© KI-generiert
28.10.2026
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Erstellt von Oliver Schmidt, Berater, Moderator und Dozent mit den Schwerpunkten Wirkungsorientierung, Organisationsentwicklung und Innovation

Bald hat meine Frau Geburtstag und wie jedes Jahr stehe ich vor der Frage: Was schenke ich? Dabei gehen mir alle möglichen Optionen durch den Kopf, von Schnäppchen bis viel zu teuer - alle verwerfe ich wieder. Das geht so weiter, bis ich mir die richtige Frage stelle: Was will ich EIGENTLICH schenken?

Niemand kauft ein Geburtstagsgeschenk, weil er ein Armband verschenken möchte.

Wir verschenken etwas, weil wir Freude bereiten, überraschen oder einem Menschen zeigen wollen: Ich kenne Dich. Erst wenn wir wissen, was wir bewirken wollen, können wir entscheiden, welches Geschenk passt.

In der Kommunikation über Soziale Arbeit ist es oft genau umgekehrt. Wir sprechen über Projekte, Maßnahmen und Angebote – also über das Geschenk. Die eigentliche Frage gerät dabei leicht aus dem Blick: Welche Veränderung möchten wir bei den Menschen erreichen, für die unsere Angebote gedacht sind? Dabei beruht gerade die Soziale Arbeit auf Beziehungen. Aber oft fällt es schwer, die Wirkungen der guten Arbeit professionell zu zeigen.

In Deutschland fand Wirkungsorientierung ihren Weg in die Soziale Arbeit zunächst stark über die Förderpraxis. Fördermittelgebende fragten nicht mehr nur „Was macht ihr mit unserem Geld?“, sondern zunehmend auch „Was bewirkt ihr?“. Der Paritätische hat diese Perspektive weiterentwickelt und soziale Organisationen darin gestärkt, ihre Wirkung selbstbewusst und fachlich fundiert zu beschreiben.

Ein gemeinsamer Sprachraum für Wirkung

Heute brauchen wir den nächsten Schritt: einen gemeinsamen Sprachraum. Eine Sprache, die Fachkräfte, Leitungen, Vorstände, Verbände, Fördermittelgebende und Verwaltungen miteinander verbindet und die gleichzeitig den Erfahrungen und Perspektiven der Menschen gerecht wird, für die Soziale Arbeit gemacht wird. Gute Wirkung erreichen wir nicht durch mehr Berichte, Kontrollen oder zusätzliche Dokumentationspflichten und Indikatorensets. Sie entsteht, wenn wir gemeinsam mit den Menschen, die wir begleiten, beraten, unterstützen oder pflegen, konkrete Ziele entwickeln. Wirkung entsteht in Beziehungen, nicht in Excel-Tabellen.

Wirkungsorientierung als Werkzeug für Entwicklung

Wirkungsorientierung ist damit mehr als ein Dialog zwischen Fördermittelgebenden und -nehmenden darüber, was mit dem Geld erreicht wurde. Sie kann zu einem starken Instrument der Organisationsentwicklung werden: Was wollen wir erreichen? Was funktioniert?  

Was lernen wir daraus? Wie gestalten wir Beziehungen zu Zielgruppen und zu Schlüsselpartnern unserer Arbeit? Und was sollten wir künftig anders machen?  

So verstanden hilft Wirkungsorientierung nicht nur beim Berichten, sondern vor allem dabei, die eigene Arbeit besser zu verstehen und weiterzuentwickeln.

Ein neuer Einstieg in die Wirkungsorientierung

Die bisherige Logik der Wirkungsorientierung erscheint auf den ersten Blick schlüssig: Zunächst werden Ziele formuliert, daraus Wirkungslogiken und Indikatoren entwickelt, anschließend Daten erhoben, ausgewertet und schließlich in einem Wirkungsbericht dokumentiert. In der Praxis geraten viele Organisationen jedoch genau an diesem Punkt ins Stocken: Die reine Lehre der Wirkungsorientierung erfordern neben der sozialen, pädagogischen oder pflegerischen Arbeit zusätzlichen Aufwand. Damit wächst der Aufgabenstapel, nicht die Wirkung.

Für die meisten sozialen Organisationen bietet sich deshalb ein anderer Einstieg an – gerade dann, wenn bereits jahrelange Praxiserfahrungen, Berichte und Dokumentationen vorhanden sind. Nicht die Datenerhebung steht am Anfang, sondern die Berichterstattung. Genauer gesagt: ein erster Wirkungsbericht, der das vorhandene Wissen einer Organisation bündelt – aus Sach- und Projektberichten, Evaluationen, Fallbeispielen, den Erfahrungen der Mitarbeitenden und den Perspektiven der Menschen, die sie begleiten, beraten oder unterstützen. Ein solcher Bericht erhebt nicht den Anspruch auf Vollständigkeit. Er macht sichtbar, welche Wirkungen bereits nachvollziehbar beschrieben werden können, wo Aussagen auf plausiblen Annahmen beruhen und an welchen Stellen tatsächlich Wissenslücken bestehen.

Der Wirkungsbericht als Selbstdiagnose

Damit verändert sich die Funktion des Wirkungsberichts grundlegend. Er ist nicht länger der Endpunkt eines aufwendigen Wirkungsmanagements, sondern dessen Ausgangspunkt. Der erste Wirkungsbericht ist weniger Rechenschaft als Selbstdiagnose. Er beantwortet nicht alle Fragen. Aber er zeigt, welche Fragen es sich künftig zu beantworten lohnt, welches Wissen bereits vorhanden ist und wo noch Erkenntnisse fehlen. Genau darin liegt sein Wert.

Daten erheben, wenn sie Erkenntnis bringen

Erst auf dieser Grundlage gewinnt Wirkungsmessung ihre eigentliche Bedeutung. Die Frage lautet dann nicht mehr: Welche Kennzahlen könnten wir erheben? Sondern: Welche Informationen fehlen uns wirklich, um unsere Arbeit besser zu verstehen? Datenerhebung entsteht damit nicht aus methodischer Vollständigkeit oder aus externen Anforderungen heraus, sondern aus einem konkreten Erkenntnisinteresse. Der erste Wirkungsbericht bündelt das vorhandene Wissen einer Organisation. Alle weiteren Wirkungsberichte bauen darauf auf und ergänzen dieses Wissen gezielt durch neu und systematisch erhobene Daten. Nicht alles muss gemessen werden. Aber dort, wo Messung einen echten Erkenntnisgewinn verspricht, ist sie hilfreich, akzeptiert und zielführend.

Das Wirkungsmodell des Paritätischen beschreibt den richtigen Weg. Für viele Organisationen braucht es lediglich einen anderen Einstieg: nicht bei Indikatoren und Datenerhebung, sondern beim vorhandenen Wissen über die eigene Arbeit.

Wenn Wirkungsorientierung auf diese Weise verstanden wird, verändert sich auch ihre Rolle. Sie dient nicht länger in erster Linie der Rechenschaft gegenüber Fördermittelgebenden, sondern wird für die Organisation selbst nutzbar. Teams entwickeln eine gemeinsame Sprache für ihre Arbeit. Leitungen treffen fundiertere Entscheidungen. Fördermittelgebende erhalten nachvollziehbare Berichte. Und die Menschen, für die Soziale Arbeit gemacht wird, profitieren davon, dass Organisationen systematischer aus ihren Erfahrungen lernen.

Ein erster Wirkungsbericht ist kein Gütesiegel für perfekte Wirkung. Er ist ein Nachweis dafür, dass eine Organisation begonnen hat, ihre Wirkung bewusst zu verstehen, zu beschreiben und weiterzuentwickeln.

Oliver Schmidt ist Berater, Moderator und Dozent mit den Schwerpunkten Wirkungsorientierung, Organisationsentwicklung und Innovation. Er begleitet soziale Organisationen, Wohlfahrtsverbände und öffentliche Einrichtungen dabei, Wirkung sichtbar zu machen und Veränderungsprozesse erfolgreich zu gestalten. In seinen Seminaren verbindet er wissenschaftlich fundierte Modelle mit langjähriger Praxiserfahrung. 

Sie wollen Wirkungsorientierung für Ihre Organisation nutzen? Die Paritätische Akademie Sachsen hat Weiterbildungen zur Wirkungsorientierung im Programm: das Online-Seminar Einführung in die Wirkungsorientierung am 30.11.2026 und den 3-teiligen Crashkurs Wirkung sichtbar machen in sozialen Organisationen ab 09.03.2027.