Wer in der Antike in die Zukunft sehen wollte, fuhr nach Delphi. In einem aufwändigen Ritual offenbarte eine Priesterin ihre Weissagungen. Oft waren ihre Antworten rätselhaft und ließen viel Interpretationsspielraum. Die Eingebungen für ihre Aussagen waren wohl von Gasen beeinflusst, die sie in eine Art Trance versetzten und ihr so sehende Kräfte verliehen.
Wer heute einen Blick in die Zukunft wagen möchte, verlässt sich nicht mehr auf die Weissagungen eines Mediums oder berauschende Gase. Heute ermöglicht es eine breite Datenlage, einzelne Entwicklungen zu prognostizieren. Diese Prognosen sagen nicht die konkrete Zukunft voraus. Sie helfen jedoch dabei, mögliche Anforderungen an das eigene Handeln abzuschätzen und im Falle des Paritätischen Sachsen, das Profil eines zukunftsfesten Spitzenverbandes zu formulieren.
Den Einstieg in den Prozess zum Zukunftskonzept ‚Parität 2030‘ bildeten daher die Analyse internationaler Megatrends, die Betrachtung gesellschaftlicher Spannungsfelder, die Perspektiven der Mitgliedsorganisationen und statistische Daten zu verschiedenen Entwicklungen in Sachsen. Im Ergebnis konzentrierte sich der Verband auf fünf Zukunftstrends mit prägendem Einfluss auf die soziale Infrastruktur im Freistaat. Sie bildeten auch die Grundlage für den weiteren Prozess, der schließlich zu Anforderungen an die künftige Aufstellung des Paritätischen Sachsen führte.
In der Diskussion mit den Mitgliedsorganisationen und externen Akteuren wurde immer wieder deutlich, wie diese Zukunftstrends die soziale Landschaft prägen werden. Wenngleich die anschließend aufgeführten Trends nicht vollständig voneinander zu trennen sind und sich auch gegenseitig beeinflussen, so hat sich die getroffene Aufteilung für die Erarbeitung des Zukunftskonzeptes ‚Parität 2030‘ und den innerverbandlichen Diskurs als hilfreich erwiesen. Daher sollen sie hier mit ausgewählten Ausprägungen und Folgen jeweils kurz vorgestellt werden.
Öffentliche Finanzen unter Druck
Die Diskussion um die Finanzierung der Sozialsysteme ist nicht neu, hat in den letzten Jahren aber an Bedeutung gewonnen. Sinkende Steuereinnahmen durch weniger Erwerbstätige bei gleichzeitig steigenden Sozialausgaben belasten die öffentlichen Haushalte und Versicherungssysteme. Dies gefährdet besonders die sogenannten freiwilligen Leistungen, wie die Verhandlungen um den sächsischen Doppelhaushalt für 2025 und 2026 einmal mehr vor Augen geführt haben. Die Betrachtung der kommunalen Haushalte wiederum offenbart eine noch viel angespanntere Finanzlage, die selbst gesetzliche Pflichtleistungen unter Druck bringt. Doch auch abseits der Frage einer angemessenen Finanzausstattung ist die Bandbreite der Handlungsbedarfe groß. Die Spielräume in Kostensatzverhandlungen werden immer enger. Förderverfahren sind in ihrer Komplexität gewachsen und bringen oft weitreichende Berichtspflichten mit sich. Die Bewilligung gesetzlicher Pflichtleistungen verzögert sich teilweise massiv, ebenso die Auszahlung der Gelder. Die öffentliche Hand ist somit gezwungen, im Bereich der nichtpflichtigen Leistungen zu kürzen. Damit kommt auch die Frage nach alternativer Finanzierung wieder stärker auf die Tagesordnung.
Bevölkerungsentwicklung
Wir werden älter und weniger. Das ist insbesondere im ländlichen Raum spürbar. Gleichzeitig sind Kinder und Familien mit neuen Herausforderungen konfrontiert. Diese Entwicklung verändert das Zusammenleben in den Regionen, den Bedarf an sozialen Angeboten und damit die soziale Infrastruktur als solches. Der zweite Sozialbericht der Sächsischen Staatsregierung zeichnet ein detailliertes Bild davon, wie sich die Bevölkerungsstruktur in Sachsen verändern wird: Die Zahl der Pflegebedürftigen steigt seit Jahren. Die Anzahl der Geburten ist hingegen rückläufig. Die Integration zugewanderter Menschen erfordert neue Kompetenzen.
Arbeitswelt im Wandel
Digitalisierung, Arbeitskräftemangel oder die Erwartungen der jüngeren Generation verändern die Zusammenarbeit. Gleichbleibende Aufgaben bei immer weniger Fach- und Arbeitskräften setzen bestehende Teams unter Druck. Vorgaben und Standards verhindern jedoch den flexiblen Einsatz von Fachkräften. Komplexere Aufgaben erfordern diversere Teams und auch in den sozialen Berufen ist Künstliche Intelligenz angekommen. Management und Leitung stehen vielfältigeren Anforderungen gegenüber und müssen neue Modelle der Personalführung umsetzen. Die sich verändernden Aufgaben erfordern die kontinuierliche Weiterbildung aller Beschäftigten.
Veränderte individuelle Lebenswelten
Menschen wachsen heute anders auf, leben anders zusammen, planen und gestalten ihr Leben individueller. Dauerkrisen sorgen für anhaltenden Stress, wobei soziale Gruppen immer weniger Halt geben. Diese Entwicklungen sind in allen sozialen Angeboten spürbar. Individuelle Lebensentwürfe und Lebensweisen erfordern bei der Erbringung sozialer Leistungen stärkere Berücksichtigung. Persönliche Lebensumstände wie beispielsweise Armut erschweren dabei die Teilhabe in allen Bereichen des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Die Ausgrenzung und Stigmatisierung einzelner Bevölkerungsgruppen nimmt zu. Gleichzeitig treten Personengruppen selbstbewusster auf und fordern aktiv Gleichberechtigung und Mitwirkung ein.
Strukturwandel in Stadt und Land
Wachsende Ballungszentren sind kein neues Phänomen. Daher verwundert es wenig, dass sich Leipzig und Dresden anders entwickeln als die ländlichen Räume des Freistaates. Während die Städte leicht wachsen, schrumpft zeitgleich die Landbevölkerung. Die Bedarfe und jeweiligen Voraussetzungen der Menschen in städtisch und ländlich geprägten Räumen gehen damit stärker auseinander. Lösungen für die soziale Infrastruktur müssen in beiden Räumen unterschiedliche Begleitfaktoren wie beispielsweise Mobilität, Wohnraum und dergleichen mitdenken. Der Strukturerhalt im ländlichen Raum braucht andere Ansätze als im städtischen Umfeld. In unterschiedlicher Intensität werden Kooperationen und trägerübergreifendes Handeln werden erforderlich sein.
Obwohl die fünf Zukunftstrends ebenfalls Interpretationsspielräume zulassen, zeichnen sie
dennoch ein weit klareres Bild, als es die Ratsuchenden in Delphi je erhoffen konnten. Für die Ausrichtung des Paritätischen Sachsen als Spitzenverband bilden sie mittelfristig die Leitplanken des Handelns und werden bei der Prioritätensetzungen eine gewichtige Rolle spielen.
Der Artikel erschien zuerst in der September-Ausgabe 2025 des Verbandsmagazins anspiel.
