Immer wieder wurde das Spannungsfeld abgelehnter Anträge bei gleichzeitiger Beantragung von Frühförderung und Kita-Integrationsplatz an die Fachreferentinnen des Paritätischen als Problemstellung der Praxis herangetragen. Bereits ein ad hoc Austausch interessierter Mitgliedsorganisationen im Juni 2025 organisiert vom Referat Teilhabe und Referat Bildung brachte erste Klarheiten.
So wurde im Austausch deutlich, dass es fachlich wie kommunikativ mehr Handlungssicherheit für die Praxis braucht. Insbesondere in Zeiten knapper Kassen wird seitens der Kostenträger immer mehr geschaut, welche Leistungen bewilligt werden, Prüfkriterien und –instanzen werden mehr oder strenger ausgelegt. Verfahren dauern länger. Eine vorzeitige Leistungserbringung ab Feststellung des Bedarfs wird risikoreicher
Fachliche Einordnung Komplexleistung Frühförderung und Kita-Integrationsplatz – eine Unterstützung für die Praxis
Der Paritätische machte sich auf den Weg, seinen Mitgliedsorganisationen hier mehr Klarheit an die Hand zu geben und entwickelte eine fachliche Einordnung.
Das Papier (Anlage) geht auf die rechtliche Einordnung der Leistungen ebenso ein wie auf die Bedarfserhebung, Inhalte und Abgrenzung der Leistungen.
Erster Praxisdialog
Am 20.04.2026 fand der erste vertiefte Praxisdialog zu Inhalten des Papiers mit Mitgliedsorganisationen statt. Die 28 Teilnehmenden fanden es besonders wertvoll, dass sowohl Vertreter*innen des Bereichs Frühförderung als auch des Bereichs Kita ins Gespräch kamen.
Anne Cellar (Referentin Teilhabe) führte zu Beginn in das Papier zur fachlichen Einordnung der beiden Leistungen ein. Sie stellte heraus, dass sich die Leistungen grundsätzlich nicht ersetzen. Während die Frühförderung schwerpunktmäßig das Kind mit seiner Familie im Zentrum hat, geht es bei Integration in erster Linie um Teilhabe des Kindes am Kita-Alltag. Die Prüfung der jeweiligen Bedarfe liegt jedoch bei den jeweiligen Bewilligungsbehörden, nicht bei Fachkräften oder Eltern. Im Mittelpunkt steht hier die Frage: Was braucht das Kind? Da diese Bedarfe höchst individuell sind, konnten in der fachlichen Einordnung des Paritätischen keine Standartfälle formuliert werden. Was jedoch deutlich ist, eine Inanspruchnahme beider Leistungen schließt sich nicht von vornherein aus. Vielmehr braucht es immer eine Einzelfallprüfung auf der Grundlage einer differenzierten Bedarfsfeststellung.
Was klappt gut – Gelingensbedingungen aus der Praxis
Im Anschluss tauschten sich die Teilnehmenden über strukturelle Gelingensbedingungen aus. Als besonders förderlich für eine gelingende Beantragung und Leistungserbringung wurden benannt:
Eine klare, frühzeitige Diagnose und die präzise Formulierung der Bedarfe des Kindes bilden die Grundlage für erfolgreiche Anträge. Die Zusammenarbeit mit kompetenten Kinderärzt*innen, die Entwicklungseinschätzungen beisteuern und Elterngespräche zur Entwicklung des Kindes führen, wurde als wesentlich hervorgehoben. Ebenso hilfreich ist die Vernetzung zwischen Frühförderung, Kita sowie weiteren Fachkräften. Auch das Wissen der Kita-Fachkräfte über Strukturen und Inhalte der Frühförderung sowie eine sorgfältige Dokumentation vor der Antragstellung tragen maßgeblich zum Erfolg bei. Nicht zuletzt wurde die Bedeutung kompetenter und engagierter Eltern sowie einer vertrauensvollen Elternarbeit betont.
Unsicherheiten in eigenen Strukturen
Gleichzeitig benannten die Teilnehmenden Bereiche, in denen Unsicherheiten bestehen. Dazu gehört vor allem das Wissen um geeignete Netzwerkpartner – etwa kompetente Kinderärzt*innen, Sozialpädiatrische Zentren (SPZ) oder Frühförderstellen sowie die jeweils zuständigen Sachbearbeiter*innen. Auch die Frage, wie Förderung und Betreuung während der Antragsphase sichergestellt werden kann, solange noch keine Bewilligung vorliegt, blieb offen. Diskutiert wurde zudem, wie erbrachte Leistungen vor einer formalen Bewilligung dokumentiert werden können. Schließlich wurden transparente Kommunikation mit Eltern und die Unterstützung beim Verfassen von Schreiben als Aufgaben benannt, für die es noch mehr Handlungssicherheit braucht.
Strukturelle Herausforderungen, die Fachkräfte nicht allein lösen können
Deutlich wurden auch strukturelle Probleme, die über den Einflussbereich einzelner Fachkräfte hinausgehen. Besonders häufig genannt wurden:
Die Uneinheitlichkeit der Bewilligungspraxis zwischen Landkreisen und sogar zwischen einzelnen Sachbearbeiter*innen führt zu einer Chancenungleichheit, die als grundlegend ungerecht erlebt wird – in Einzelfällen wurde dabei auch auf Diskriminierung und kulturelle Unterschiede als Einflussfaktoren hingewiesen. Kritisch benannt wurden zudem fehlende Rückmeldungen der Ämter – sowohl bei unvollständigen Unterlagen als auch generell im Bewilligungsverfahren – sowie die damit verbundenen langen Verfahrensdauern. Praktisch problematisch ist die Situation bei rückwirkenden Bewilligungen und schwebenden Leistungen, ebenso wie die Weiterbewilligung bei Umzug des Kindes in einen anderen Landkreis. Als weitere strukturelle Hürden wurden die eingeschränkte Möglichkeit zur Hospitation in Kitas, Leistungserbringungsprobleme sowie eine mangelnde Bereitschaft oder Fähigkeit von Eltern bei der Antragstellung identifiziert.
Kooperation als Schlüssel – Ergebnisse aus dem zweiten Veranstaltungsteil
Im zweiten Teil der Veranstaltung standen Gelingensbedingungen und konkrete Formen der Kooperation im Mittelpunkt. Das gemeinsam erarbeitete Bild der Gruppe lässt sich mit dem Leitgedanken zusammenfassen, der im Raum stand: „Kooperation ist kein Mehraufwand – sondern der Weg, wie beide Systeme ihren Auftrag vollständig erfüllen."
Die Praktiker*innen diskutierten im Austausch über Gelingensbedingungen und Herausforderungen im Alltag. Deutlich wurde, dass die gute Zusammenarbeit mit den Eltern essenziell ist, damit die Bedarfe des Kindes gut beschrieben und entsprechende Leistungen bewilligt werden. Dazu gehört neben regelmäßigen Elterngesprächen zur Entwicklung des Kindes auch die aktive Unterstützung bei der Antragstellung sowie die Übersetzung von Fachsprache und ICF-Codes in eine für Eltern verständliche Sprache. Ein Elternfragebogen zu den Besonderheiten des Kindes zu Beginn der Förderung wurde als hilfreiche Grundlage benannt.
Auch die Kooperation der Kita und/oder Frühförderung mit anderen Beteiligten wie z.B. Kinderärztinnen wurde als wichtig herausgestellt. Als förderliche Formate wurden Helferkonferenzen mit allen Beteiligten (Eltern, Kita, Therapeutinnen, Frühförderfachkräfte), Gesamtplan- und interdisziplinäre Gespräche sowie geplante Treffen von Frühförderkräften und pädagogischen Fachkräften – etwa im Format einer Arbeitsgruppe oder eines regelmäßigen Austauschs – genannt.
Kooperation ist auch nach Leistungsbewilligung wesentlich für den Erfolg der zu erbringenden Leistungen im Sinne des Kindes. So wurden gemeinsame Gespräche als besonders wesentlich für eine abgestimmte Leistungserbringung herausgestellt. Aber auch Pendelhefte, kurze Telefonrücksprachen zwischen Fachkräften und Tür-und-Angel-Gespräche wurden als hilfreich benannt, ebenso wie die Entwicklungsdokumentation als gemeinsame Grundlage und die Hospitation – sowohl der Frühförderkräfte in der Kita als auch umgekehrt. Darüber hinaus wurden Kooperationsvereinbarungen sowie eine klare Regelung der Schweigepflichtsentbindung als strukturelle Voraussetzungen guter Zusammenarbeit identifiziert. Als übergreifendes Ziel wurde die gemeinsame Zielfestlegung mit den Eltern und eine abgestimmte Förderdokumentation hervorgehoben.
Fazit
Um den individuellen Bedarfen von Kindern gerecht zu werden, braucht es ein gemeinsames Agieren aller am System Beteiligten, das über Einrichtungsgrenzen, Zuständigkeiten und Leistungsbereiche hinausgeht. Kein Akteur kann dies allein leisten. Entscheidend ist das abgestimmte Zusammenwirken von Kita, Frühförderung, Kinderärzt*innen, Eltern und Leistungsträgern.
Der Paritätische Sachsen nimmt diesen Auftrag ernst: Bereits jetzt werden auf örtlicher Ebene Gespräche mit Leistungsträgern, Spitzenverbänden und Leistungserbringern geführt, um dieses gemeinsame Agieren aktiv zu befördern. Die Mitgliedsorganisationen sind eingeladen, auf ihre Ansprechpartner*innen in den Referaten und Regionalstellen des Paritätischen zuzugehen.
Nächster Online-Austausch am 11. Mai 2026
Auf Grund der hohen Nachfrage zum Thema ist schon am 11.05.2026, 10 Uhr – 12 Uhr, online eine weitere Veranstaltung geplant. Auch hier soll das Papier vorgestellt werden und die Möglichkeit zum Austausch sein.